Arno R. Behrend

Iwan A. Jefremow - ANDROMEDANEBEL

TUMANNOST ANDROMEDY, UdSSR 1965, Heyne TB 06/19, aus dem Russischen übersetzt von Annemarie Kienpointner, Titelbild von Ulf Herholz, Innenillustrationen von Klaus Porschka, 423 S. Gekürzt als DAS MÄDCHEN AUS DEM WELTRAUM bei Verlag Kultur und Fortschritt, HC, und als Heyne TB 06/3226-27.


Der Kommunismus hat sein Ziel erreicht. Alle Menschen auf der Erde leben ohne materielle Sorgen und geben sich einer erfüllenden Arbeit, der Kunst oder der Wissenschaft hin. Statt einer Zentralregierung nehmen Kommitees alle öffentlichen Aufgaben wahr. Nationen existieren nicht mehr. Die Kontinente dienen unterschiedlichen Zwecken. So findet in Europa vor allem die Kindererziehung statt, die den überforderten Eltern abgenommen wird, während andere Weltteile im Zeichen der Industrie oder der Landwirtschaft stehen. Eine Magnetschnellbahn umspannt in Spiralform den ganzen Planeten. Raumschiffe mit Anameson-Triebwerken unternehmen Sternenexpeditionen.

Nach Beendigung der quasi vorhistorischen Ost-West-Konfrontation mußten mehrere Epochen durchschritten werden, um einen derart fortgeschrittenen Stand an Zivilisation zu erreichen. Zum Zeitpunkt der Handlung ist die Menschheit in die "Ära des Großen Rings" eingetreten. Man steht über Radiowellen mit anderen Rassen in der Galaxis in Verbindung, allerdings ohne sich gegenseitig besuchen zu können. Da die Evolution überall im Universum den selben Gesetzen gehorcht, sind die Außerirdischen den Menschen sehr ähnlich. Und genau diese Ähnlichkeit wird Mwen Maas zum Verhängnis.

Nachdem der dunkelhäutige Physiker die Aufsicht über die interstellare Kommunikation übernommen hat, verliebt er sich in das Abbild eines Mädchens, welches er von einer unerreichbar fernen Welt empfängt. Obwohl seine Angebetete schon seit mehreren hundert Jahren tot sein dürfte, kann Mwen Maas nicht mehr von dem Gedanken lassen, die Sterne zu erreichen. Er erdenkt eine neue Methode der Umwandlung von Masse in Energie und setzt sich bei deren Erprobung über die Bedenken seiner Kollegen hinweg. Als er sein erstes Experiment startet, passiert eine Katastrophe.

Iwan Jefremow entwickelt in diesem Roman zahlreiche Nebenhandlungen, in denen die Erlebnisse zahlreicher Charaktere in der Romantradition des 19. Jahrhunderts geschickt miteinander verknüpft werden. Dar Weter, der Vorgänger von Mwen Maas versucht das Herz der Archäologin Weda Kong zu erobern. Diese ist allerdings mit Erg Noor, dem Leiter einer Sternenexpedition verheiratet. Die daraus entstehenden Probleme werden von allen Beteiligten mit Vernunft und gegenseitiger Rücksichtnahme angegangen. Die große Stärke des Romans ist gleichzeitig seine Schwäche. Alle Personen sind bewundernswert fortgeschrittene Menschen. Konflikte spitzen sich gar nicht erst zu, da sie im Diskurs gelöst werden können. Auch Mwen Maas kann am Ende mit einer gerechten und weisen Strafe für seine Verfehlungen rechnen.

Nicht die Handlung selbst ist das Reizvolle an Jefremows Werk, sondern die Vorstellung in einer solch angenehmen und interessanten Gesellschaft zu leben. Entscheidungen von großer Wichtigkeit können von allen im Rundfunk beraten werden. Jede Art von Arbeit ist gleichwertig und, wenn man die entsprechenden Ausbildung durchlaufen hat, erreichbar. Daß ein hochqualifizierter Wissenschaftler, der für eine Zeit Urlaub von sich selbst braucht, zwischendurch in einem Steinbruch arbeitet, ist normal. Umfangreicher Besitz dagegen ist verpönt. Jeder kann seine wenigen Habseligkeiten schnell zusammenpacken und sich zu einem anderen Arbeits- und Wohnort begeben. Jugendliche Abenteurlust wird durch die "Zwölf Herkulesarbeiten" aufgefangen. D. h., daß jeder in seiner Jugend an zwölf ungewöhnlichen und schwierigen Projekten teilnimmt, die den Zustand der Welt noch weiter verbessern sollen. Unnötig zu sagen, daß alle Tätigkeiten sowohl von Männern als auch von Frauen ausgeübt werden. Für die, die diesen idealen Zuständen nichts abgewinnen können, steht die Insel Madagaskar quasi als Aussteigerkolonie zur Verfügung.

Wie kein anderer Autor hat es Jefremow geschafft, die atheistische Vision von einem menschengemachten Paradies, in dem Einsicht und Vernunft die Herrschaft übernommen haben, in eine konkrete Form zu gießen. Für Jahrzehnte war er damit das Aushängeschild der an guten Autoren nicht armen sowjetischen SF. Keine seiner Ideen muß als völlig unmöglich oder absurd bezeichnet werden. Allein sein Bild vom Menschen der Zukunft ist es, was im negativen Sinn als utopisch erscheint. Daß die ganze Welt einmal von moralisch hochstehenden, kreativen und rücksichtsvollen Menschen bevölkert sein wird, ist wahrlich ein schöner Traum. Jefremow glaubte noch, die Sowjetunion sei in der Lage, eine solche Menschheit hervorzubringen. Daß er selbst vom KGB wegen angeblicher konspirativer Umtriebe verfolgt wurde, zeigt, wie weit sein Traum von der Verwirklichung entfernt ist.

Am Ende des Romans entdeckt Erg Noor mit seiner Mannschaft unbemannte Sonden einer fremden Rasse. Damit griff Jefremow auf seine berühmte Kurzgeschichte "Das Herz der Schlange" vor, in der es, trotz aller Zweifel, die der Autor in dieser Frage hegte, zu einer direkten Begegnung mit den Fremden kommt. Jefremow läßt dabei eine der handelnden Personen die Story "First Contact" von Murray Leinster zitieren, in der es durch gegenseitiges Mißtrauen fast zum Kampf zwischen den beiden unterschiedlichen Raumschiffbesatzungen kommt. "Das Herz der Schlange" stellt das Gegenbild dazu dar, in dem auch die Außerirdischen eine sozialistische Gesellschaftsform entwickelt haben, durch die ein friedlicher Austausch möglich ist. Sehr überzeugend lesen sich die Gedanken des alten Utopisten heute nicht mehr unbedingt. Schön ist sein Traum aber immer noch.